Samstag, 7. November 2009

Memento mori!

von Margot S. Baumann














Klappentext:

Abbé Kilian tötet als Fünfjähriger seinen alkoholabhängigen, prügelnden Vater mit einem Wespennest. Daraufhin wird er ins Tessin in eine Anstalt für schwererziehbare Jugendliche gebracht. Dort beginnt für ihn eine grausame Zeit. Massimo, ein homosexueller Mitinsasse, zwingt Abbé zu sexuellen Handlungen. Als die Demütigungen eines Tages zu groß werden, versucht er zu fliehen.
Diese Erinnerungen verfolgen Abbé sein ganzes Leben lang und er tut Dinge, an die er sich später nur noch fragmentarisch erinnern kann. Um endlich die Anerkennung und Bewunderung zu erlangen, die ihm seiner Meinung nach zustehen, beschließt er ein berühmter Schriftsteller zu werden. Doch auch diesen Weg pflastert Abbé mit dem Tod.



Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte des Protagonisten, sondern lässt einen auch an seinem Seelenleben teilnehmen und die Auslöser für sein Handeln finden, die in seiner Kindheit begründet liegen.
Manche Stellen – besonders in der Kindheit des Protagonisten und in der Beziehung zu seinem Vater – sind nichts für zarte Gemüter, aber ich finde diese offenen Beschreibungen machen die Geschichte authentisch und glaubwürdig, weil man es geradezu spürbar miterlebt.
Spannend, mitreißend und genau das richtige für stürmische Herbst-Abende vor dem Kamin. Klick zu Amazon.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedanken

Er hing in der Luft, wie Schwefelgeruch am Neujahrsmorgen. Ich bewegte mich so wenig wie möglich, um herauszufinden, wo genau er sich befand, und um ihn nicht mit einer unüberlegten, fahrigen Bewegung zu vertreiben. Er war da, ganz sicher, fast greifbar. Er schaukelte in den Ästen des Birnbaums, den ich zu Emilies Geburt gepflanzt, und der nie Früchte getragen hatte. Verfing sich in den Gardienen des offenen Küchenfensters, die einmal hinaus und ein andermal hinein flatterten, wie ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es auf den eigenen Füßen stehen oder sie doch lieber noch eine Zeit lang unter Mamas Tisch stellen möchte. Schließlich wehte er direkt an meiner Nase vorbei, tanzte einige Sekunden auf den Seilen der Wäschespinne, verdrückte sich durch den Jägerzaun und floh auf die Hauptstraße. Fast hätte ich ihm nachgebrüllt, er solle vorsichtig sein, wenn er die Straße überquert.
„Was ist denn los mit dir?“
Werners Stimme riss mich herum und ich verlor den Kontakt. Doch ich hatte noch bemerkt, dass er in die Kirchgasse abgebogen war, Richtung Marktplatz.
„Verdammt!“, sagte ich. „Verdammt, ich habe ihn verloren.“
„Wen?“
„Den Gedanken. Er war wichtig, das weiß ich.“
Werner glotzte mich mit halb offenem Mund an. Stemmte die Hände in die Hüfte und kräuselte die Nase, wie er es immer tat, wenn er sich nicht entscheiden konnte, ob er lachen oder einen seiner endlosen Vorträge halten sollte, die mit „Ich verstehe dich nicht“, begannen und mit „Ich verstehe dich einfach nicht“ endeten. Er entschloss sich für Möglichkeit drei und ignorierte was ich gesagt hatte.
„Was gibt’s zu essen?“, fragte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten in seinem Hobbykeller. Dort würde er bleiben, bis ich ihn zu Tisch rief. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn ich ihn einfach nicht riefe. Käme er von alleine wieder raus oder bliebe er einfach dort unten, bis er verhungert wäre? Ich sah Werner nach.
Und wieder war er da, ganz schemenhaft nur, kaum zu spüren. Er hüpfte von Grashalm zu Grashalm. Plusterte sich auf und machte sich klein. Zog sich in die Länge, schnalzte mit einem fröhlichen Plopp an den Birnbaumstamm, prallte ab und kugelte in die Kirchgasse. Er wollte, dass ich ihn wiederfinde. Unbedingt.
Es heißt, wenn man etwas verloren hat, soll man dorthin zurückgehen, wo man es das letzte Mal bewusst gesehen hat. Ich hatte ihn hier im Garten verloren, aber wo war er das letzte Mal greifbar gewesen? Also ging ich zurück. Und ich ging nicht nur zurück, ich ging rückwärts. Zuerst hatte ich etwas Probleme damit, die Richtung zu halten, aber mit ein wenig Übung klappte das ganz hervorragend.
Am Ende der Kirchgasse begegnete mir Frau Rössel. Sie trug einen vollen Einkaufskorb und schien ziemlich gestresst zu sein, ihren geröteten Wangen nach zu urteilen.
„Sophie? Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie mich, mit einem Blick auf meine roten Hausschuhe und die Blümchenschürze. Und ich lachte und winkte und beteuerte ihr, dass es mir nie besser gegangen war. Und das stimmte auch. Es war ein merkwürdiges Erlebnis, sich rückwärts zu bewegen. Man ging nicht auf die Häuser und Menschen zu, man entfernte sich von ihnen und doch ging man immer weiter. Ich ging immer weiter, die anderen blieben zurück. Die Stadt blieb zurück.
Ich gelangte auf den Marktplatz, ging zum Gemüsestand, an dem ich am Morgen Tomaten und Wirsing gekauft hatte, und blieb vor der Auslage stehen. Ich wartete, ob er sich zeigt. Ob er sich hier versteckt hatte. Ich stocherte in den Kohlköpfen und stapelte Äpfel, Birnen und Tomaten von links nach rechts. Von oben nach unten. Nichts.
Die Marktfrau schnaubte theatralisch und setzte an, mich zu schelten, ihr Obst und Gemüse nicht zu zerdrücken.
„Ich kann ihn nicht finden“, sagte ich und sah sie hilfesuchend an.
„Was denn?“, fragte sie. „Haben Sie etwas verloren?“
„Einen Gedanken. Ich hatte ihn fast und dann war er weg.“
„Geht’s Ihnen gut?“ Ihre Stimme klang jetzt wirklich ein wenig besorgt. „Soll ich vielleicht jemanden für Sie anrufen?“
„Nein“, sagte ich. Ich suchte ja schließlich erst seit kurzem, ich wollte nicht aufgeben. „Nein, mir geht’s gut. Alles in Ordnung.“
Sie schenkte mir einen blank polierten Apfel und ich fragte mich, ob es sinnvoll wäre ihn auf dem Kopf stehend zu essen. Aber ich wollte nicht noch mehr Aufsehen erregen und so winkte ich ihr nur zum Abschied zu. Den Apfel steckte ich ein. Ich konnte mir immer noch überlegen, wie und wo er am besten zu essen wäre, wenn ich Hunger bekäme.
Der Weg durch die Fußgängerzone war nicht ganz einfach zu bewältigen. Ich wurde einige Male angerempelt und wäre fast in einen offenen Kanaldeckel gefallen, wenn mich der Arbeiter nicht freundlicherweise daran vorbei bugsiert und auch gleich in die richtige Richtung gedreht hätte.
Es wurde langsam dunkel, als ich den Stadtpark erreichte. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe einer Laterne und holte meinen Apfel hervor. Ich war gerade dabei mich auf den Rücken zu drehen und die Beine über die Lehne zu schwingen, als ich ein kleines Mädchen bemerkte. Es kauerte auf den Randsteinen und beobachtete mich. Seine blonden Zöpfe wurden mit violetten Schleifen zusammen gehalten und auf seiner Nase prangten große Sommersprossen, die selbst im schummrigen Laternenlicht auffielen.
„Warum gehst du verkehrt rum?“, fragte es und setzte sich neben mich. „Bist du verrückt?“
„Ich habe etwas verloren und deshalb gehe ich zurück um es wiederzufinden.“ Ich biss in meinen Apfel und kaute und schmatzte.
Das Mädchen schwang seine Beine ebenfalls über die Lehne und ließ seinen Kopf neben meinem hängen.
„Ich habe meine Teddybären verloren, als ich noch klein war.“ Es zog einen zerknautschten Schokoriegel aus der Tasche und teilte ihn mit mir. „Aber heute weiß ich, dass er weggelaufen ist, weil ich ihm sein braunes Fell mit Ketchup gefärbt hatte.“ Es aß seine Hälfte des Riegels und stand auf. „Ich muss nach Hause“, sagte es und rannte los.
Der Mond hing über den Laubbäumen und blinzelte durch die Blätter. Eine samtene Ruhe lag über dem Park, so als würde er die lärmende Stadt am Eingang einfach abweisen.
Ich lachte laut auf, als der Gedanke mich am Bauch kitzelte, nach oben krabbelte und in meinen Ohren tippelte und tapste. Ja, genau hier hatte ich ihn heute Morgen gehabt. Und wiedergefunden.
Es war eine klare, warme Nacht. Einfach perfekt um verkehrtherum auf einer Bank zu sitzen und seinen Kopf baumeln zu lassen. Das meinte auch der Mond, drehte sich auf den Rücken und grinste.


© Simone Keil 2009

Dienstag, 27. Oktober 2009

Schimmel im Kopf

Die Zeit hat vieles gefressen. Sie hat Erinnerungsbröckchen abgebissen und runtergeschluckt, bevor sie zufrieden rülpsend eingeschlafen ist. Übrig geblieben ist stinkender Lochkäse auf Brot. Und ich. Auch wenn ich nicht weiß, wer das ist.
Es gibt Tage an denen ich mich erinnern kann. An den Geschmack von Preiselbeeren. An den Geruch junger Vollmondnächte. An die Akkorde von 'Get it while you can'. Und an den Sonnenaufgang in Frisco.
Wir lagen auf der Motorhaube des Chevys. Wir berührten uns nicht. Nicht mit den Händen. Das Zischen, als die Sonne aus der Bucht brach. Zinnoberrotes Eisen. Und deine Augen. Dreifarbig. Grau, grün und braun. Ineinander fließende Saturnringe klammerten sich an das Schwarze Loch deiner Pupille. Und ich wurde aufgesogen.
Im meinem Kühlschrank liegen eine Tüte Milch, eine halbe Tafel Vollmilchschokolade und ein Paar meiner Tennissocken neben der Samstagszeitung. Ich stecke den Brief der Versicherungsgesellschaft in das große Gemüsefach und schließe die Tür. Mein Magen knurrt.
Hast du gewusst, dass die meisten Menschen in ihrem Bett sterben? Sie legen sich hin, machen die Augen zu und wachen nicht mehr auf. Einen schönen Tod nennt man das dann. Ich werde nicht so sterben. Ich werde mit einem Knall abtreten. Und wenn es nur ein finales Furzen ist. Ich muss Zwiebeln kaufen.
Es regnet. Natürlich, der Himmel verarscht mich. Aber er kann mich, ich werde nicht wieder rein gehen und kleinbeigeben. Nie wieder. Ich schlendere zu dem Tante Emma Laden an der Ecke und nehme einen Beutel Zwiebeln aus der Auslage vor der Eingangstür. Zwei Straßen und fünf Gedankenfäden später werfe ich ihn in einen Müllcontainer. Die Wolken reiben sich an den Telefonmasten. Es rauscht und knistert und schüttet. Meine Augen brennen, aber ich weiß nicht ob ich weine.
Im Rinnstein liege ich, nur viel älter. Den Kopf auf einem Arm, im anderen eine Flasche braunen Fusel. Ich will mir die Flasche aus der Hand reißen und bücke mich über meinen Körper. Mein altes Ich erwacht und sieht mir direkt hinter die geröteten Augen. Ich erkenne mich und strecke mir die Flasche hin. Verschütte etwas auf meine Finger. Es riecht nach gestern. Nach Vergessen. Ich mache eine Faust und schlage mir ins Gesicht. Wieder und wieder. Blut und Whisky.
An der Hauswand steht eine Frau. Ihre Gesichtshaut sieht aus wie Winter am Meer. Sie singt 'Summertime'… and the living is easy… Scheiße. Ich starre auf die vernarbte Haut meiner Hände. Zähle meine Finger. Die Fensterscheiben der Häuser. Meinen Herzschlag.
Dann stehe ich vor deiner Haustüre. Wassertropfen an meiner Nasenspitze. Um meine Nikes bildet sich eine Pfütze und ich patsche ein wenig darin herum. Wie damals, als wir vor dem Wolkenbruch geflüchtet sind. Ich hatte Schiss, dass der Blitz einschlägt und uns röstet, mit dem ganzen Stroh und den Kühen. Burger Spezial, hast du gesagt, das wär doch mal was. Dann hast du die Augen geschlossen und den Takt des Donners inhaliert. Die Stahlseiten meiner Gitarre schnitten in meine Fingerspitzen und erinnerten mich daran, dass ich lebe.
Du öffnest die Haustür und nimmst meine Hand. Das fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Du siehst mir in die Augen. Du hast es geschafft, sagst du. Nein, sage ich und jetzt weiß ich, dass es wirklich Tränen sind.
Du trocknest meine Haare mit einem roten Handtuch und küsst meine Stirn. Wir gucken einen alten Konzertmitschnitt an. Die Aufnahme ist scheiße. Die Tonspur ein Gewitterrauschen. Meine Gitarre lacht mich aus. Ich kuschle mich in deine Armbeuge und schließe die Augen.
Ein Schimmel galoppiert durch meinen rechten Gehörgang und wirft sich mit voller Wucht gegen das Trommelfell. Mein Kopf vibriert. Ich versuche den aufgebrachten Hengst mit einem Kopfschütteln nach draußen zu befördern. Keine Chance. Er nimmt Anlauf und steuert wieder auf sein Ziel zu. Wenn er so weiter macht, schafft er es heute Nacht bestimmt die Mauer zu durchbrechen und bis in mein Gehirn vorzudringen. Ich frage mich, was er damit bezweckt. Auch wenn das unwichtig sein mag. Ich habe seine Anläufe und die Aufprallvibrationen gezählt. Wir sind bei 58. Ich bin müde. Ich kann nicht schlafen.
Gestern habe ich geträumt ich hätte Krebs. Unheilbar. Metastasen in allen Organen. Vielleicht noch zwei Monate und Ende. Leber, Nieren, Lunge, alles im Eimer. Und das Herz. Durchfressen von kleinen schwarzen Gängen, die nirgends hinführen als ins Dunkel. Schwarz, dunkelschwarz, sonst nichts. Es hat mir nichts ausgemacht zu sterben. Und ich fürchtete mich nicht vor der Dunkelheit. Aber ich hatte Angst. Angst, dir nicht erzählen zu können, wie es sich anfühlt tot zu sein.


© Simone Keil 2009

Samstag, 17. Oktober 2009

Das Buch das nie geschrieben wurde

von Uwe Knietsch erscheint in diesem Jahr nun endlich nach 22 Jahren in der zweiten Auflage... guckst du hier

ich enthalte mich eines Kommentars, das muß man selbst sehen :-D

Dienstag, 6. Oktober 2009

Frank Schätzing, wie lautet die Bestseller-Formel?

Sein erstes Buch war ein Erfolg, "Der Schwarm" wurde bis heute in 17 Sprachen übersetzt und soll demnächst verfilmt werden: Frank Schätzing, ausgezeichnet mit Preisen, ist Garant für Quote - ein Interview aus dem "SZ am Wochenende".

klick zum Interview

Der Mann ist mir doch sehr sympathisch. Ich glaube, ich werde den Schwarm, der seit ein paar Wochen in meinem Bücherregal vor sich hin staubt, nun doch mal in Angriff nehmen.

Mittwoch, 30. September 2009

Schmetterlingsblätter

- für M. -

Tick – tack – tick – tack … Es ist sein Stock. Es muss sein Stock sein, der das Geräusch in den Asphalt klopft. Der Ticktack-Mann lächelt. Er lächelt immer. Seine Augen lächeln nicht. Es ist Zeit, lächelt er ihm entgegen. Ticktackzeit, es ist soweit. Ja, er weiß es, er weiß es ja. Der Ticktack-Mann hält es ihm vor Augen, jeden Tag.
Die Wolken ziehen schneller, selbst das Blau des Himmels verändert sich schneller als sonst. Der Himmel – so weit weg. Die Hölle in ihm. Es ist Zeit. Ticktackzeit. Der Ticktack-Mann im schwarzen Mantel, geht an ihm vorbei. Greift kurz an den Schild seiner Baseballkappe. Ein Gruß. Ein Scherz. Eine Verballhornung seines Daseins. Unwirklich. Wach und lächelnd.

Ich begegnete dem Jungen zum ersten Mal drei Tage nach seinem siebten Geburtstag. Er nähte seit Stunden Stoffreste zusammen. Ganz Konzentration. Er hatte Mühe den Faden durch das enge Öhr zu bringen, wenn er wieder einmal herausgerutscht war. Er gab nicht auf. Er war ein Kämpfer. Fast tat er mir leid. Aber die Zeit tickt. Sekunden lügen nicht. Crescendo. Und am Ende das Finale. Sforzato. Ach ich bin ein Dirigent. Il Maestro d’essere in vita. Ich habe auch viele andere Namen. Die jedoch nicht ansatzweise im Stande sind meine Passion zu beschreiben.
Ich klopfte den Takt seines Herzens auf den Rasen zu meinen Füßen. Ein dumpfes Geräusch. Tocktacktocktack. Sein Herz schlug Blätter von den Apfelbäumen. Befreite sie. Und sie strichen dankbar durch sein verwuscheltes Haar, bevor sie sich in den Himmel erhoben. Wie vertrocknete Schmetterlinge, sahen sie aus. Und wieder tat er mir leid. Der Junge, der einen Traum hatte.
Er hob sein Tagwerk zum Himmel und lachte. Ein schneidezahnloses Lachen, das den Wind zwei Grad wärmer wehen ließ. Ich rückte meinen Hut gerade und schlang meinen weißen Schal fester um den Hals. Sehr stilvoll. Distinguiert. Ich lege Wert auf ein ansprechendes Äußeres. Ein Äußeres, das die Wichtigkeit meines Daseins – seine Professionalität – betont.
Der Junge befestigte Wäscheleine an seinem nun großen, fast rund geratenen, Werk – Geschirrtücher verbanden sich mit ausrangierten T-Shirts zu einem bizarren Patchworkgebilde – und knotete die Enden an seinen blauen Rucksack. Und dann sah er mir direkt in die Augen. Nur für die kurze Zeitspanne, in der sich sein Herz auf den nächsten Schlag vorbereitete. Aber er hatte mich gesehen. Kein Zweifel.
Ich folgte ihm, in einem kleinen Abstand von vielleicht fünf Sekundenschlägen. Er rannte den Berg hinter seinem Elternhaus hinauf, dass ihm trotz der kalten Herbstluft, die Haare an der Stirn klebten, über die verlassenen Wiesen, bis zu dem steilen Abhang der Kiesgrube. Er hielt den Schirm fest in der Hand und sein Gesicht in den Himmel. Er strahlte Sicherheit aus, wie es nur ein siebenjähriger Junge kann, der im Begriff ist seinen Traum zu leben. Und dann sprang er.
Das Blut aus der Stirnwunde malte Bilder auf den großen Stein. Ein Hase, ein Auto, eine Tulpe. Seine Beine verkantet, in ungewöhnlichem Winkel unter seinem kleinen Körper. Der Fallschirm ausgebreitet, umfing ihn in weichen Wellen. Ticktack schlägt das Kämpferherz. Tick – tack. Decrescendo. Durchbrochen von unrhythmischen Akzenten. Ich hockte mich neben ihn. Wartete. Und wieder sah er mich an. „Nein!“, flüsterte er mir zu. „Noch nicht. Ich will erst noch mal den Himmel spüren.“
Ich weiß nicht warum ich es tat. Es waren nicht seine Worte. Es war nicht seine Hand, die sich vertrauensvoll in meine legte. Vielleicht war es sein Herzschlag – der Herzschlag eines Kämpfers –, der meine Seele erweichte. Ich habe keine Seele meinen Sie? Oh doch, die habe ich, auch wenn sie Ihnen schwarz und eng erscheinen mag.
Er saß im Rollstuhl, seit diesem Tag, aber seine Träume waren ungebrochen. Und ich folgte ihm. In meiner Hand die Zeit, die unnachgiebig weitertickt. Tick und tack. Er lernte lesen, rechnen und schreiben. Er lernte die Menschen kennen, die an ihm vorbei sahen, als wäre er Luft. Er lernte niemals wieder zu gehen. Aber das brauchte er auch nicht. Der Himmel kennt keine Barrieren. Macht keine Unterschiede. Und er lernte zu warten.
Er sieht mich immer noch. Ungewöhnlich, ja, aber nicht unmöglich, wie sich von selbst versteht. Er sieht mich und er hört seinen Herzschlag, den er meist mit dem Geräusch meines Stockes gleichsetzt. Und wahrscheinlich hat er recht damit. Im Laufe der Jahre – es sind auf den Tag genau neun – habe ich wohl das Tock meines Stockes dem Tack seines Herzens angeglichen.


© Simone Keil 2009

Dienstag, 15. September 2009

Fanny Holzbein

von Kurt Bartsch














Klappentext


"Der Untergang der Stadt war beschlossene Sache." Mit diesem Satz beginnt der Roman Fanny Holzbein, der Roman über ein Mädchen, das eigentlich Fanny Salbei heißt, und der vom März 1945 bis Winter 1947 in Berlin spielt. An Fannys Seite ihre Freundin Charlotte - etwas älter als sie - eine treue Seele, der einzige Mensch, den sie noch hat. Und vier Jungen aus der Nachbarschaft, Spielgefährten von einst, die zu Kindersoldaten geworden sind, die wild entschlossen das verteidigen, was Ehre und Treue ihnen gebietet: das Vaterland, die Mädchen, die Illusion.


Das ist eins der Bücher, das man erst wieder weglegt, wenn man es zu Ende gelesen hat. Kurt Bartsch erzählt eine berührende Geschichte, ohne rührselig zu werden. Die Schreibweise wechselt von klaren, knappen Beschreibungen zu poetischen Bildern, von rasantem Tempo zu verdichteter Langsamkeit. Ein wirklich großartiger Roman, bewegend und fantastisch geschrieben. Absolut empfehlenswert.