Samstag, 21. November 2009

Herbst

Die Gänge der Bibliothek sind mit grünem Teppichboden ausgelegt. Schritte gedämpft und vorsichtige Bewegungen. Atemfrequenz gedrosselt und knisterndes Blättern. Es ist Herbst. Es ist immer Herbst in Bibliotheken. Die Bücher duften nach Vergänglichkeit. Sie liebt es den Staub wegzupusten. Die Augen leicht zusammengekniffen. Zärtliches Streichen. Gänsehaut im Nacken und die Vorfreude, wenn sie ihn hinter den hohen Regalen spürt. Sie liebt seine stille Gegenwart.
„Was suchst du, Maria?“, fragt er. Und Blätterrauschen und Knistern und sein Atem, der sich in ihrer Ohrmuschel fängt.
„Vollkommenheit“, antwortet sie. Antwortet sie immer. Und er lächelt und weiß, dass sie seinen Namen kennt.
„Die Vollkommenheit wohnt in Andalusien. Sie hält Siesta unter den Olivenbäumen. Verscheucht nur ab und zu eine lästige Fliege. Sie döst und manchmal lässt sie ihre Hände unter ihre Röcke gleiten und kommt schnell und lautlos.“
Maria sucht seine Blicke. Augen wie die Haut von Blauwalen. Unglaublich alt und weich und so tief wie der Atlantik. „Ist es Herbst in Andalusien?“
„Was immer du willst.“
Das Mädchen erscheint in der Tür. Es trägt eine Schuluniform. Schwarzer, kurzer Rock, schwarzer Blazer, weiße Bluse mit locker gebundener, gestreifter Krawatte. Auf dem Kopf eine rote Strickmütze.
„Es ist Zeit!“, ruft es mit dieser Katzenstimme. Über Joyce und Hemingway hinweg fliegt das taktlose Schnurren. Zwischen Tolstoi und Dostojewski hindurch. Macht kurz bei Nabokov halt, hustet verächtlich und kratzt sich in Marias Gehörgang fest.
Als der Ton an seinem Bestimmungsort angekommen ist, folgt ihm das Mädchen. Der Rocksaum streift seine Schenkel oberhalb der Knie. Aufdringliches Werben. Bauschiges Baumwollrascheln und dumpfes Absatzgeklapper. Es drängt sich an Marias Körper. Reibt seine kleinen, festen Brüste an ihrem Rücken. Lässt seine Hände über ihren Bauch gleiten. Die Wange zwischen ihre Schulterblätter gepresst. „Maria“, sagt es. Nur Maria. Und meint ihn.
Er klatscht rhythmisch in die Hände. „Bravissimo!“ Ein Bein lässig über die Lehne des schweren Ohrensessels gelegt, lümmelt er unter dem schwachen Schein der Tiffany Lampe. „Florence, Florence, du wirst wirklich immer besser. Und jetzt verzieh dich wieder! Du bist noch nicht an der Reihe.“ Er greift sich in den Schritt, bevor er die Arme vor der Brust verschränkt.
Das Mädchen zischt ab. Und es verlässt nicht nur die Bibliothek, es zischt – im wahrsten Sinne des Wortes – ab. Wie ein Sektkorken zischt es an den Regalen entlang, sein Sog wirbelt 100 Jahre alten Bücherstaub durch die trockene Luft. Und ‚Plopp‘ schließt es die Tür, das Mädchen, das er Florence nennt.
„Ich will, dass es Herbst ist in Andalusien.“ Marias Fingernägel krallen sich in den Regalboden. Ihre Stirn an das Holz gepresst. „Ich will…“
Er schiebt ihren Rock nach oben, den Slip zur Seite und dringt in sie ein. Wartet, dass sie sich bewegt.
„Ich will zurück“, sagt sie.
„Vollkommenheit, wirst du dort nicht finden.“
Sie spreizt die Beine. Nur ganz leicht. Und er zieht sie dichter zu sich heran.
„Wie lange bin ich jetzt hier?“, fragt sie und er legt seine Hände auf ihre Brüste. „Eine Jahr, ein Jahrhundert?“
„Spielt das eine Rolle?“
„Alles spielt eine Rolle. Du spielst eine Rolle. Und ich und das Mädchen.“ Marias Fingerspitzen gleiten über die Wälzer vor ihrem Gesicht. „Sokrates, Platon…“, sie lacht und er drückt sie an Holz und goldgeprägte Buchrücken, „Petrarca, Dante Alighieri… Wie kannst du mich in der Philosophieabteilung vögeln?“
„Wie könnte ich dich nicht vögeln?“
Er stößt zu. Zweimal, dreimal. Seine Lippen an ihrem Hals, seine Hände jetzt zwischen ihren Beinen. Vor der blinden Fensterscheibe flackert es. Ein Einschlag und der Boden vibriert. Und sie und er und das Regal der Philosophen. Und Glas zersplittert.
„Wir hätten in den Keller gehen sollen, als noch Zeit war“, sagt sie. „Wir hätten gehen sollen, als das Mädchen uns gerufen hat.“
„Florence. Ihr Name ist Florence.“
„Nein“, sagt sie. „Nein, es hat keinen Namen. Eines Tages wird es sich einen Namen aussuchen. Aber das ist später. Viel später.“
„Nun, dann nenne ich sie eben Florence, bis es soweit ist.“
Er löst sich von ihr und zieht seine Hose hoch, die sich um seine Knöchel geschlungen hatte. Sirenengeheul und Staub und Feuerschein dringen durch die Öffnung, an deren Stelle mal eine Wand und ein blindes Fenster war.
Sie presst ihre Hände an die Hüfte. Zwischen ihren Fingern ein rotes Rinnsal. Sie leckt über ihre Handfläche. Metallisch. Warmes Metall.
„Das ist der Eisenanteil im Blut.“ Er wischt ihre Hände an seinem Hemd ab.
„Warum?“, fragt sie. „Warum ich? Und warum jetzt?“
Er lächelt. „Die Vollkommenheit wohnt in Andalusien“, sagt er. „Sie döst unter den Olivenbäumen.“
„Ja“, sagt sie. „Ja, und es ist Herbst.“


© Simone Keil 2009

Montag, 16. November 2009

Jasmin im Winter

Wenn mein Körper Christallglas ist, und meine Haut den Blick auf Burgunderadern preisgibt, wünschte ich, jemand würde mich austrinken und meine leere Hülle an der Wand zerschmettern. Manchmal ist es schwer nicht zerbrechen zu können.
Meine Tage sind Brausen und Brummen. Vor meinem Fenster bewegt sich die Welt. Ich bin gefangen in einer endlosen Slow-Motion-Schleife. 22.20 Uhr und ich lebe. Immer noch. Gestern hat Er gesagt – und Er sah aus wie Stolpern und Fallen –, dass Er es beenden wird. Um 22.18 Uhr. Er ist ein Lügner und ein Meister der Worte. Eines Tages werde ich wissen, wer Er wirklich ist. Und ich werde sehen. Sehen und Wissen. Das ist es, was die Nacht vom Tage trennt. Meine Nacht ist Warten. Auf den Morgen. Auf den nächsten Schlag meines Herzens. Oder auf sein Schweigen.

Sie haben mir das Papier und den Bleistift abgenommen. Ich schreibe in die Luft. An die Wand. Auf den Boden. Mit meinen Fingern. Ich habe meine Fingerkuppen aufgebissen. Mein Blut ist so träge, wie die Zimmerluft. Ich wünschte mein Geist wäre es auch. Die Buchstaben wirbeln durch meinen Kopf, prallen an meine Stirn. Klopfen und schaben und puckern. Sie brennen hinter meinen Augen, wie der Rauch von Räucherstäbchen.
Silbenfäden spannen sich in den Ecken des Zimmers. Verbinden sich zu Wortnetzen. In ihnen: Er. Darunter: Ich. Wenn das Zimmer voll von seinen Netzen ist, werde ich mich nicht mehr bewegen können. Ich werde an Seinen Geschichten ersticken.
Jasmin im Nebel. Jasmin mit nackten Füßen. Jasmin zerfällt zu Staub und lacht. Und die Ölbäume greifen sich ein Stück vom Himmel. Spießen es auf ihre Äste. Zuckerwatte, klebrige Süße. Der Mond blinzelt erschrocken durch das Wolkenloch auf uns herab. Ich klaube sie auf – Jasmin –, besteige den Berg Arafat. Verstreue sie unter den weißen Daunen, die meinen Kopf umschwirren. Frau Holle betet nicht. Sie wäscht und putzt und schüttelt ihre Betten aus. Jasmin im Schnee. Jasmin mit leeren Augen. Niemand steinigt mich auf dem Weg nach unten. Ich wünschte Er würde schweigen.

Manche Tage sind gut. Manche Tage sind wortlos und laut. Schwester Elena sagt, man muss zurückkehren zum Anfang, dann kann man sich seinen Weg aussuchen. Sie hat leicht reden, in ihrer Welt aus weißer Baumwollunterwäsche und Flachbildschirmen. Morgens ein Marmeladenbrötchen und abends Käsespätzle und Walter. Oder Werner oder Fred. Schwester Elena hat nicht Seine Geschichten gehört. Sie singt deutsche Schlager auf dem Flur und klappert mit Porzellan. Sie köpft Glasfläschchen und verabreicht Bienenstich. Sie ist nicht Glas. Sie ist Stoff.

Schlüsselgeklapper und quietschende Scharniere. Schwester Elena reicht mir einen Wassereimer und einen Lappen. Sprachlos. Hinter ihr ein Wachtposten. Er bewacht nicht mich, sondern sie. Sie kommt niemals allein zu mir. Ich wasche mein Leben von den Wänden, während sie an der Tür wartet. Ich werde es schreiben, wieder und wieder. Sie weiß es und ich weiß es.
„Man muss sich bemühen zurückzufinden“, sagt sie, „wenn man sich bemüht, kann man alles schaffen.“
Ich nicke und schaffe es zu lächeln. Über ihrem Kopf spinnt Er seine Geschichten weiter. Ich versuche nicht hinzusehen.
„Ihre Mutter möchte Sie besuchen. Morgen Nachmittag. Sie sollten mit ihr reden.“
Humpty Dumpty saß auf dem Eck, Humpty Dumpty fiel in den Dreck. Ich presse die Handflächen auf meine Ohren. Und auch der König mit seinem Heer, rettete Humpty Dumpty nicht mehr. Schwester Elena wirft frische Bettwäsche auf die Matratze und schließt sich in ihrem Schlagerflur ein. Und mich aus.

Vielleicht geben sie mir Stift und Papier zurück, wenn ich verspreche an den Sitzungen teilzunehmen. Vielleicht, wenn ich Ihn verleugne. Auf meinem Konto befinden sich weit mehr als 30 Silberlinge. Schwester Elena möchte mal ans Meer, hat sie gesagt. Sie mag Wasser und Wind. Sie mag das Rauschen der Wellen und den Sommer.
Jasmin blüht im Winter. Minus 18 Grad. Ich bette sie zu Füßen des Ölbergs und weine. Jasmin im Schnee. Ihr weißes Kleid – rot. Jasmin unter der Januarsonne, die sich wandelt und schweigt.

Dr. Rosenberg schüttelt den Kopf. Reibt sich über die Stirn. Seine Haut ist gräulich-braun. Pergament. Ich wünschte, ich hätte einen Kugelschreiber. Er legt seine Brille auf die Akten. „Sie leiden unter einem schweren posttraumatischen Stress-Syndrom.“ Er sieht mich mit seinen Maulwurfsaugen an. „Wir können Ihnen helfen, aber nur, wenn Sie mitarbeiten.“
Ich nicke und sage noch einmal mein Sprüchlein auf. Sage, was von mir erwartet wird. Schwester Elena sitzt neben dem Schreibtisch. Gleich wird sie mir über den Kopf streichen und mir meinen Bleistift in die Hand drücken. Sie verschränkt die Arme vor der Brust. Ich knubble an den Verbänden um meine Handgelenke.
„Es reicht nicht es zu sagen“, sagt Dr. Rosenberg, „Sie müssen es einsehen. Sie müssen es verstehen und Sie müssen wissen, dass es die Wahrheit ist.“
Die Wahrheit ist eine Buntgefleckte am 23. Dezember. Sonst nichts. Kein Hokuspokus, kein Sandmännchen aus dem kleinen Plastikbecher kann daran etwas ändern. Traumsand brennt in den Augen, wie Methylalkohol im Rachen.

22.18 Uhr vorbei. Schon wieder. Er baumelt am Zeigefinger der Wanduhr. Schöpft Atem und grinst. Wackelt mit seinem Kopf. In seiner Hand Jasmin, zu einem Strauß gefasst. Ihr Duft raubt mir die Sicht. Peter Pan hat es gewusst. Man darf nicht erwachsen werden. Nicht für alle Küsse der Welt. Erwachsenwerden bedeutet vergessen. Vergessen wie man fliegt.
Jasmin fliegt hoch. Jasmin fliegt schnell. Ich fange sie auf. Meine Reflexe sind wach. Jasmin im weißen Kleid. Wässrige Morgenröte. Das Mal auf ihrer Stirn. Ich schließe den Beutel und schultere den Stecken. Inschallah. Eine Tretmine trennt Beine vom Rumpf. Masseltoff! Und Er lacht mich aus. Er weiß was mir blüht.


© Simone Keil 2009

(Die Geschichte belegte den 1. Platz des ersten Prosa-Wettbewerbes des E-LITEratums, Oktober 2009. Alle Texte, die Teilnahmebedingungen und die Bewertung der Jury kann man hier nachlesen.)

Samstag, 7. November 2009

Memento mori!

von Margot S. Baumann














Klappentext:

Abbé Kilian tötet als Fünfjähriger seinen alkoholabhängigen, prügelnden Vater mit einem Wespennest. Daraufhin wird er ins Tessin in eine Anstalt für schwererziehbare Jugendliche gebracht. Dort beginnt für ihn eine grausame Zeit. Massimo, ein homosexueller Mitinsasse, zwingt Abbé zu sexuellen Handlungen. Als die Demütigungen eines Tages zu groß werden, versucht er zu fliehen.
Diese Erinnerungen verfolgen Abbé sein ganzes Leben lang und er tut Dinge, an die er sich später nur noch fragmentarisch erinnern kann. Um endlich die Anerkennung und Bewunderung zu erlangen, die ihm seiner Meinung nach zustehen, beschließt er ein berühmter Schriftsteller zu werden. Doch auch diesen Weg pflastert Abbé mit dem Tod.



Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte des Protagonisten, sondern lässt einen auch an seinem Seelenleben teilnehmen und die Auslöser für sein Handeln finden, die in seiner Kindheit begründet liegen.
Manche Stellen – besonders in der Kindheit des Protagonisten und in der Beziehung zu seinem Vater – sind nichts für zarte Gemüter, aber ich finde diese offenen Beschreibungen machen die Geschichte authentisch und glaubwürdig, weil man es geradezu spürbar miterlebt.
Spannend, mitreißend und genau das richtige für stürmische Herbst-Abende vor dem Kamin. Klick zu Amazon.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedanken

Er hing in der Luft, wie Schwefelgeruch am Neujahrsmorgen. Ich bewegte mich so wenig wie möglich, um herauszufinden, wo genau er sich befand, und um ihn nicht mit einer unüberlegten, fahrigen Bewegung zu vertreiben. Er war da, ganz sicher, fast greifbar. Er schaukelte in den Ästen des Birnbaums, den ich zu Emilies Geburt gepflanzt, und der nie Früchte getragen hatte. Verfing sich in den Gardienen des offenen Küchenfensters, die einmal hinaus und ein andermal hinein flatterten, wie ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es auf den eigenen Füßen stehen oder sie doch lieber noch eine Zeit lang unter Mamas Tisch stellen möchte. Schließlich wehte er direkt an meiner Nase vorbei, tanzte einige Sekunden auf den Seilen der Wäschespinne, verdrückte sich durch den Jägerzaun und floh auf die Hauptstraße. Fast hätte ich ihm nachgebrüllt, er solle vorsichtig sein, wenn er die Straße überquert.
„Was ist denn los mit dir?“
Werners Stimme riss mich herum und ich verlor den Kontakt. Doch ich hatte noch bemerkt, dass er in die Kirchgasse abgebogen war, Richtung Marktplatz.
„Verdammt!“, sagte ich. „Verdammt, ich habe ihn verloren.“
„Wen?“
„Den Gedanken. Er war wichtig, das weiß ich.“
Werner glotzte mich mit halb offenem Mund an. Stemmte die Hände in die Hüfte und kräuselte die Nase, wie er es immer tat, wenn er sich nicht entscheiden konnte, ob er lachen oder einen seiner endlosen Vorträge halten sollte, die mit „Ich verstehe dich nicht“, begannen und mit „Ich verstehe dich einfach nicht“ endeten. Er entschloss sich für Möglichkeit drei und ignorierte was ich gesagt hatte.
„Was gibt’s zu essen?“, fragte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten in seinem Hobbykeller. Dort würde er bleiben, bis ich ihn zu Tisch rief. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn ich ihn einfach nicht riefe. Käme er von alleine wieder raus oder bliebe er einfach dort unten, bis er verhungert wäre? Ich sah Werner nach.
Und wieder war er da, ganz schemenhaft nur, kaum zu spüren. Er hüpfte von Grashalm zu Grashalm. Plusterte sich auf und machte sich klein. Zog sich in die Länge, schnalzte mit einem fröhlichen Plopp an den Birnbaumstamm, prallte ab und kugelte in die Kirchgasse. Er wollte, dass ich ihn wiederfinde. Unbedingt.
Es heißt, wenn man etwas verloren hat, soll man dorthin zurückgehen, wo man es das letzte Mal bewusst gesehen hat. Ich hatte ihn hier im Garten verloren, aber wo war er das letzte Mal greifbar gewesen? Also ging ich zurück. Und ich ging nicht nur zurück, ich ging rückwärts. Zuerst hatte ich etwas Probleme damit, die Richtung zu halten, aber mit ein wenig Übung klappte das ganz hervorragend.
Am Ende der Kirchgasse begegnete mir Frau Rössel. Sie trug einen vollen Einkaufskorb und schien ziemlich gestresst zu sein, ihren geröteten Wangen nach zu urteilen.
„Sophie? Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie mich, mit einem Blick auf meine roten Hausschuhe und die Blümchenschürze. Und ich lachte und winkte und beteuerte ihr, dass es mir nie besser gegangen war. Und das stimmte auch. Es war ein merkwürdiges Erlebnis, sich rückwärts zu bewegen. Man ging nicht auf die Häuser und Menschen zu, man entfernte sich von ihnen und doch ging man immer weiter. Ich ging immer weiter, die anderen blieben zurück. Die Stadt blieb zurück.
Ich gelangte auf den Marktplatz, ging zum Gemüsestand, an dem ich am Morgen Tomaten und Wirsing gekauft hatte, und blieb vor der Auslage stehen. Ich wartete, ob er sich zeigt. Ob er sich hier versteckt hatte. Ich stocherte in den Kohlköpfen und stapelte Äpfel, Birnen und Tomaten von links nach rechts. Von oben nach unten. Nichts.
Die Marktfrau schnaubte theatralisch und setzte an, mich zu schelten, ihr Obst und Gemüse nicht zu zerdrücken.
„Ich kann ihn nicht finden“, sagte ich und sah sie hilfesuchend an.
„Was denn?“, fragte sie. „Haben Sie etwas verloren?“
„Einen Gedanken. Ich hatte ihn fast und dann war er weg.“
„Geht’s Ihnen gut?“ Ihre Stimme klang jetzt wirklich ein wenig besorgt. „Soll ich vielleicht jemanden für Sie anrufen?“
„Nein“, sagte ich. Ich suchte ja schließlich erst seit kurzem, ich wollte nicht aufgeben. „Nein, mir geht’s gut. Alles in Ordnung.“
Sie schenkte mir einen blank polierten Apfel und ich fragte mich, ob es sinnvoll wäre ihn auf dem Kopf stehend zu essen. Aber ich wollte nicht noch mehr Aufsehen erregen und so winkte ich ihr nur zum Abschied zu. Den Apfel steckte ich ein. Ich konnte mir immer noch überlegen, wie und wo er am besten zu essen wäre, wenn ich Hunger bekäme.
Der Weg durch die Fußgängerzone war nicht ganz einfach zu bewältigen. Ich wurde einige Male angerempelt und wäre fast in einen offenen Kanaldeckel gefallen, wenn mich der Arbeiter nicht freundlicherweise daran vorbei bugsiert und auch gleich in die richtige Richtung gedreht hätte.
Es wurde langsam dunkel, als ich den Stadtpark erreichte. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe einer Laterne und holte meinen Apfel hervor. Ich war gerade dabei mich auf den Rücken zu drehen und die Beine über die Lehne zu schwingen, als ich ein kleines Mädchen bemerkte. Es kauerte auf den Randsteinen und beobachtete mich. Seine blonden Zöpfe wurden mit violetten Schleifen zusammen gehalten und auf seiner Nase prangten große Sommersprossen, die selbst im schummrigen Laternenlicht auffielen.
„Warum gehst du verkehrt rum?“, fragte es und setzte sich neben mich. „Bist du verrückt?“
„Ich habe etwas verloren und deshalb gehe ich zurück um es wiederzufinden.“ Ich biss in meinen Apfel und kaute und schmatzte.
Das Mädchen schwang seine Beine ebenfalls über die Lehne und ließ seinen Kopf neben meinem hängen.
„Ich habe meine Teddybären verloren, als ich noch klein war.“ Es zog einen zerknautschten Schokoriegel aus der Tasche und teilte ihn mit mir. „Aber heute weiß ich, dass er weggelaufen ist, weil ich ihm sein braunes Fell mit Ketchup gefärbt hatte.“ Es aß seine Hälfte des Riegels und stand auf. „Ich muss nach Hause“, sagte es und rannte los.
Der Mond hing über den Laubbäumen und blinzelte durch die Blätter. Eine samtene Ruhe lag über dem Park, so als würde er die lärmende Stadt am Eingang einfach abweisen.
Ich lachte laut auf, als der Gedanke mich am Bauch kitzelte, nach oben krabbelte und in meinen Ohren tippelte und tapste. Ja, genau hier hatte ich ihn heute Morgen gehabt. Und wiedergefunden.
Es war eine klare, warme Nacht. Einfach perfekt um verkehrtherum auf einer Bank zu sitzen und seinen Kopf baumeln zu lassen. Das meinte auch der Mond, drehte sich auf den Rücken und grinste.


© Simone Keil 2009

Dienstag, 27. Oktober 2009

Schimmel im Kopf

Die Zeit hat vieles gefressen. Sie hat Erinnerungsbröckchen abgebissen und runtergeschluckt, bevor sie zufrieden rülpsend eingeschlafen ist. Übrig geblieben ist stinkender Lochkäse auf Brot. Und ich. Auch wenn ich nicht weiß, wer das ist.
Es gibt Tage an denen ich mich erinnern kann. An den Geschmack von Preiselbeeren. An den Geruch junger Vollmondnächte. An die Akkorde von 'Get it while you can'. Und an den Sonnenaufgang in Frisco.
Wir lagen auf der Motorhaube des Chevys. Wir berührten uns nicht. Nicht mit den Händen. Das Zischen, als die Sonne aus der Bucht brach. Zinnoberrotes Eisen. Und deine Augen. Dreifarbig. Grau, grün und braun. Ineinander fließende Saturnringe klammerten sich an das Schwarze Loch deiner Pupille. Und ich wurde aufgesogen.
Im meinem Kühlschrank liegen eine Tüte Milch, eine halbe Tafel Vollmilchschokolade und ein Paar meiner Tennissocken neben der Samstagszeitung. Ich stecke den Brief der Versicherungsgesellschaft in das große Gemüsefach und schließe die Tür. Mein Magen knurrt.
Hast du gewusst, dass die meisten Menschen in ihrem Bett sterben? Sie legen sich hin, machen die Augen zu und wachen nicht mehr auf. Einen schönen Tod nennt man das dann. Ich werde nicht so sterben. Ich werde mit einem Knall abtreten. Und wenn es nur ein finales Furzen ist. Ich muss Zwiebeln kaufen.
Es regnet. Natürlich, der Himmel verarscht mich. Aber er kann mich, ich werde nicht wieder rein gehen und kleinbeigeben. Nie wieder. Ich schlendere zu dem Tante Emma Laden an der Ecke und nehme einen Beutel Zwiebeln aus der Auslage vor der Eingangstür. Zwei Straßen und fünf Gedankenfäden später werfe ich ihn in einen Müllcontainer. Die Wolken reiben sich an den Telefonmasten. Es rauscht und knistert und schüttet. Meine Augen brennen, aber ich weiß nicht ob ich weine.
Im Rinnstein liege ich, nur viel älter. Den Kopf auf einem Arm, im anderen eine Flasche braunen Fusel. Ich will mir die Flasche aus der Hand reißen und bücke mich über meinen Körper. Mein altes Ich erwacht und sieht mir direkt hinter die geröteten Augen. Ich erkenne mich und strecke mir die Flasche hin. Verschütte etwas auf meine Finger. Es riecht nach gestern. Nach Vergessen. Ich mache eine Faust und schlage mir ins Gesicht. Wieder und wieder. Blut und Whisky.
An der Hauswand steht eine Frau. Ihre Gesichtshaut sieht aus wie Winter am Meer. Sie singt 'Summertime'… and the living is easy… Scheiße. Ich starre auf die vernarbte Haut meiner Hände. Zähle meine Finger. Die Fensterscheiben der Häuser. Meinen Herzschlag.
Dann stehe ich vor deiner Haustüre. Wassertropfen an meiner Nasenspitze. Um meine Nikes bildet sich eine Pfütze und ich patsche ein wenig darin herum. Wie damals, als wir vor dem Wolkenbruch geflüchtet sind. Ich hatte Schiss, dass der Blitz einschlägt und uns röstet, mit dem ganzen Stroh und den Kühen. Burger Spezial, hast du gesagt, das wär doch mal was. Dann hast du die Augen geschlossen und den Takt des Donners inhaliert. Die Stahlseiten meiner Gitarre schnitten in meine Fingerspitzen und erinnerten mich daran, dass ich lebe.
Du öffnest die Haustür und nimmst meine Hand. Das fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Du siehst mir in die Augen. Du hast es geschafft, sagst du. Nein, sage ich und jetzt weiß ich, dass es wirklich Tränen sind.
Du trocknest meine Haare mit einem roten Handtuch und küsst meine Stirn. Wir gucken einen alten Konzertmitschnitt an. Die Aufnahme ist scheiße. Die Tonspur ein Gewitterrauschen. Meine Gitarre lacht mich aus. Ich kuschle mich in deine Armbeuge und schließe die Augen.
Ein Schimmel galoppiert durch meinen rechten Gehörgang und wirft sich mit voller Wucht gegen das Trommelfell. Mein Kopf vibriert. Ich versuche den aufgebrachten Hengst mit einem Kopfschütteln nach draußen zu befördern. Keine Chance. Er nimmt Anlauf und steuert wieder auf sein Ziel zu. Wenn er so weiter macht, schafft er es heute Nacht bestimmt die Mauer zu durchbrechen und bis in mein Gehirn vorzudringen. Ich frage mich, was er damit bezweckt. Auch wenn das unwichtig sein mag. Ich habe seine Anläufe und die Aufprallvibrationen gezählt. Wir sind bei 58. Ich bin müde. Ich kann nicht schlafen.
Gestern habe ich geträumt ich hätte Krebs. Unheilbar. Metastasen in allen Organen. Vielleicht noch zwei Monate und Ende. Leber, Nieren, Lunge, alles im Eimer. Und das Herz. Durchfressen von kleinen schwarzen Gängen, die nirgends hinführen als ins Dunkel. Schwarz, dunkelschwarz, sonst nichts. Es hat mir nichts ausgemacht zu sterben. Und ich fürchtete mich nicht vor der Dunkelheit. Aber ich hatte Angst. Angst, dir nicht erzählen zu können, wie es sich anfühlt tot zu sein.


© Simone Keil 2009

Samstag, 17. Oktober 2009

Das Buch das nie geschrieben wurde

von Uwe Knietsch erscheint in diesem Jahr nun endlich nach 22 Jahren in der zweiten Auflage... guckst du hier

ich enthalte mich eines Kommentars, das muß man selbst sehen :-D

Dienstag, 6. Oktober 2009

Frank Schätzing, wie lautet die Bestseller-Formel?

Sein erstes Buch war ein Erfolg, "Der Schwarm" wurde bis heute in 17 Sprachen übersetzt und soll demnächst verfilmt werden: Frank Schätzing, ausgezeichnet mit Preisen, ist Garant für Quote - ein Interview aus dem "SZ am Wochenende".

klick zum Interview

Der Mann ist mir doch sehr sympathisch. Ich glaube, ich werde den Schwarm, der seit ein paar Wochen in meinem Bücherregal vor sich hin staubt, nun doch mal in Angriff nehmen.