Die Gänge der Bibliothek sind mit grünem Teppichboden ausgelegt. Schritte gedämpft und vorsichtige Bewegungen. Atemfrequenz gedrosselt und knisterndes Blättern. Es ist Herbst. Es ist immer Herbst in Bibliotheken. Die Bücher duften nach Vergänglichkeit. Sie liebt es den Staub wegzupusten. Die Augen leicht zusammengekniffen. Zärtliches Streichen. Gänsehaut im Nacken und die Vorfreude, wenn sie ihn hinter den hohen Regalen spürt. Sie liebt seine stille Gegenwart.
„Was suchst du, Maria?“, fragt er. Und Blätterrauschen und Knistern und sein Atem, der sich in ihrer Ohrmuschel fängt.
„Vollkommenheit“, antwortet sie. Antwortet sie immer. Und er lächelt und weiß, dass sie seinen Namen kennt.
„Die Vollkommenheit wohnt in Andalusien. Sie hält Siesta unter den Olivenbäumen. Verscheucht nur ab und zu eine lästige Fliege. Sie döst und manchmal lässt sie ihre Hände unter ihre Röcke gleiten und kommt schnell und lautlos.“
Maria sucht seine Blicke. Augen wie die Haut von Blauwalen. Unglaublich alt und weich und so tief wie der Atlantik. „Ist es Herbst in Andalusien?“
„Was immer du willst.“
Das Mädchen erscheint in der Tür. Es trägt eine Schuluniform. Schwarzer, kurzer Rock, schwarzer Blazer, weiße Bluse mit locker gebundener, gestreifter Krawatte. Auf dem Kopf eine rote Strickmütze.
„Es ist Zeit!“, ruft es mit dieser Katzenstimme. Über Joyce und Hemingway hinweg fliegt das taktlose Schnurren. Zwischen Tolstoi und Dostojewski hindurch. Macht kurz bei Nabokov halt, hustet verächtlich und kratzt sich in Marias Gehörgang fest.
Als der Ton an seinem Bestimmungsort angekommen ist, folgt ihm das Mädchen. Der Rocksaum streift seine Schenkel oberhalb der Knie. Aufdringliches Werben. Bauschiges Baumwollrascheln und dumpfes Absatzgeklapper. Es drängt sich an Marias Körper. Reibt seine kleinen, festen Brüste an ihrem Rücken. Lässt seine Hände über ihren Bauch gleiten. Die Wange zwischen ihre Schulterblätter gepresst. „Maria“, sagt es. Nur Maria. Und meint ihn.
Er klatscht rhythmisch in die Hände. „Bravissimo!“ Ein Bein lässig über die Lehne des schweren Ohrensessels gelegt, lümmelt er unter dem schwachen Schein der Tiffany Lampe. „Florence, Florence, du wirst wirklich immer besser. Und jetzt verzieh dich wieder! Du bist noch nicht an der Reihe.“ Er greift sich in den Schritt, bevor er die Arme vor der Brust verschränkt.
Das Mädchen zischt ab. Und es verlässt nicht nur die Bibliothek, es zischt – im wahrsten Sinne des Wortes – ab. Wie ein Sektkorken zischt es an den Regalen entlang, sein Sog wirbelt 100 Jahre alten Bücherstaub durch die trockene Luft. Und ‚Plopp‘ schließt es die Tür, das Mädchen, das er Florence nennt.
„Ich will, dass es Herbst ist in Andalusien.“ Marias Fingernägel krallen sich in den Regalboden. Ihre Stirn an das Holz gepresst. „Ich will…“
Er schiebt ihren Rock nach oben, den Slip zur Seite und dringt in sie ein. Wartet, dass sie sich bewegt.
„Ich will zurück“, sagt sie.
„Vollkommenheit, wirst du dort nicht finden.“
Sie spreizt die Beine. Nur ganz leicht. Und er zieht sie dichter zu sich heran.
„Wie lange bin ich jetzt hier?“, fragt sie und er legt seine Hände auf ihre Brüste. „Eine Jahr, ein Jahrhundert?“
„Spielt das eine Rolle?“
„Alles spielt eine Rolle. Du spielst eine Rolle. Und ich und das Mädchen.“ Marias Fingerspitzen gleiten über die Wälzer vor ihrem Gesicht. „Sokrates, Platon…“, sie lacht und er drückt sie an Holz und goldgeprägte Buchrücken, „Petrarca, Dante Alighieri… Wie kannst du mich in der Philosophieabteilung vögeln?“
„Wie könnte ich dich nicht vögeln?“
Er stößt zu. Zweimal, dreimal. Seine Lippen an ihrem Hals, seine Hände jetzt zwischen ihren Beinen. Vor der blinden Fensterscheibe flackert es. Ein Einschlag und der Boden vibriert. Und sie und er und das Regal der Philosophen. Und Glas zersplittert.
„Wir hätten in den Keller gehen sollen, als noch Zeit war“, sagt sie. „Wir hätten gehen sollen, als das Mädchen uns gerufen hat.“
„Florence. Ihr Name ist Florence.“
„Nein“, sagt sie. „Nein, es hat keinen Namen. Eines Tages wird es sich einen Namen aussuchen. Aber das ist später. Viel später.“
„Nun, dann nenne ich sie eben Florence, bis es soweit ist.“
Er löst sich von ihr und zieht seine Hose hoch, die sich um seine Knöchel geschlungen hatte. Sirenengeheul und Staub und Feuerschein dringen durch die Öffnung, an deren Stelle mal eine Wand und ein blindes Fenster war.
Sie presst ihre Hände an die Hüfte. Zwischen ihren Fingern ein rotes Rinnsal. Sie leckt über ihre Handfläche. Metallisch. Warmes Metall.
„Das ist der Eisenanteil im Blut.“ Er wischt ihre Hände an seinem Hemd ab.
„Warum?“, fragt sie. „Warum ich? Und warum jetzt?“
Er lächelt. „Die Vollkommenheit wohnt in Andalusien“, sagt er. „Sie döst unter den Olivenbäumen.“
„Ja“, sagt sie. „Ja, und es ist Herbst.“
© Simone Keil 2009
Zweitbesetzung
Vor 1 Tag

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