Dienstag, 21. Juli 2009

Traumfänger - Fünf

Der Kater schießt fauchend an ihm vorbei und rast die Treppe hinunter. Henry schließt die Eingangstür und atmet die bleierne Trostlosigkeit, die sich meist in verlassene Wohnungen breit macht, und die sich auf seine Schultern stützt, wie ein alter Freund.
Er geht ins Schlafzimmer und nimmt das kleine Foto an sich. Er streicht über ihr mahagonifarbenes Haar, schließt die Augen und drückt das Bild an seine Nase. Sommer. Nackte Füße die kaum das Gras berühren. Knallrote Sandalen in der Hand. Julilachen. „Siehst du. Siehst du, ich hab’s geschafft!“ Ihre Arme um seinen Hals und Brombeerlippen.
Er öffnet den Schrank, lässt die Hände über ihre Kleider wehen. Sie bauschen sich auf. Füllen sich mit rosigem Fleisch. Mit warmem Atem. Mit Blut. Herzschlag.
Jessica in dem blassroten Kleid, das gerade bis zu ihren Knien reicht. Er mag es, wenn sie Kleider trägt. Mag es, wie sich der Saum an der Haut ihrer Schenkel reibt, sie umstreift, sich zurückzieht und wieder berührt.
Sie hält ihm den Brief hin und ihre Augen leuchten mit der Sonne um die Wette.
„Ich hab es geschafft! Sie haben mich angenommen. Ich kann es noch gar nicht glauben.“
Sie wartet darauf, dass er den Brief liest und er vergräbt seine Hände nur tiefer in den Taschen seiner Jeans.
„Hey Papa-Bär, guck nicht so grimmig. Ich bin doch nicht aus der Welt und ich komme jedes Wochenende zurück in unsere Höhle. Du machst uns ein Feuer an und wir sind wir. So wie immer.“
Sie würde kommen. Erst jedes Wochenende, dann jedes zweite und irgendwann… Henrys Lippen kräuseln sich, versteifen sich und schließlich schafft er es, ihnen ein Lächeln abzuzwingen. „Ja, wir werden immer wir sein.“
Er nimmt den Brief in die Hand und richtet seine Blicke auf die verschwimmenden Buchstaben.
„Das ist toll, Jess. Ich freu mich für dich.“
„Das sagst du nur so.“
„Doch, ich freu mich wirklich.“
Die Sonne beißt ihm in den Nacken und er reibt sich über seine spannende Haut. Und er schwitzt. Er schwitzt und er hasst den Sommer. Nicht prinzipiell. Aber diesen hasst er von Sekunde an, voller Überzeugung und mit Erfolg.
Sein Gesicht in luftigem Stoff versenkt. Er nimmt das Kleid aus dem Schrank und packt es mit ein paar persönlichen Sachen in eine kleine Reisetasche. Er macht das Bett und löscht das Licht.

„Hey, Kiki, was hast du denn gemacht.“ Er geht in die Hocke und nimmt dem Mädchen das Messer aus der Hand. Blut? An ihren Kleidern, den Händen, dem rostfreien Stahl. Sie sitzt vor der Theke des kleinen Pubs. Den Rücken an die Holzvertäfelung gelehnt, die Beine von sich gestreckt.
Der kleine Körper wiegt fast nichts, als er ihn nach oben ins Badezimmer trägt. Er dreht das Wasser auf, streift ihr vorsichtig die fleckigen Kleider ab und lässt sie in die Badewanne sinken.
Sie zieht die Beine an, umschlingt ihre Schienbeine und legte den Kopf auf die Knie. Vereinzelte Haarsträhnen treiben auf der Wasseroberfläche und bilden eine surreale Gischtkrone um die Klippen ihres Körpers.
Sie summt. Sie hat eine schöne Stimme. Ein wenig rauchig. Wie ein Sommermorgen in den Bergen. Und man weiß, wenn der Nebel sich erst verzogen hat, wartet ein klarer Tag.
Henry taucht den Schwamm in das heiße Wasser und benetzt ihre Schultern, lässt ihr das Wasser über den Rücken rinnen.
Vorsichtig fährt er mit dem Finger über ihre Schulterblätter, über die beiden zwanzig Zentimeter langen Narben, die sich parallel über jedes ziehen. Sie sind schon alt und verblasst. Außer ein paar harmlosen Schnitten auf ihren Armen, sind keine frischen Wunden zu finden.
„Was ist passiert?“, fragt er. Leise nur, er will sie nicht erschrecken.
„Wusstest du, dass Blut sich seiner Umgebung anpasst? Nachts ist es schwarz und seidig, versteckt sich in den Schatten, wie ein Chamäleon und es fließt ganz langsam. Tagsüber aber, da ist es hellrot und schnell, wie ein begradigter Bachlauf, als wollte es sagen: seht her ich lebe.“
Sie fängt wieder an, die kleine Melodie zu summen. Und Henry betrachtet ihre Narben. Gleichmäßig sind sie, fast wie Eineiige Zwillinge. Und sie passen sich an ihren Körper an, als gehörten sie von jeher zu einander. Als sei das Eine ohne das Andere nicht denkbar.
„Wo ist dein Onkel?“
„Wer?“
„Herb, dein Onkel.“
„Er schläft sicher. War heute schon ziemlich früh besoffen.“
Henry wäscht ihre Haare. Sie sind strähnig und verklebt.
„Warum lebst du eigentlich bei deinem Onkel? Was ist mit deinen Eltern?“
„Ich brauch keine.“ Sie betrachtet ihre Zehen. Die Nägel sind zu lang.
„Aber du hast doch welche. Jeder hat Eltern.“
„Ich hab Elena.“
„Aber sie hat dich nicht geboren.“
„Doch, das hat sie.“ Ihre Nackenmuskeln spannen sich an und sie zieht die Schultern hoch. Schüttelt seine Hände ab. „Das verstehst du nicht.“
Sie steigt aus der Wanne und er wickelt sie in ein riesiges Badetuch. Trocknet ihre Haare und kämmt sie. Sie lässt es emotionslos über sich ergehen. Dann bringt er sie ins Bett. Sie drückt ihr Gesicht an seinen Unterarm, gähnt und zieht die Decke bis zum Kinn hoch, auch über seine Hand, die er auf die Bettkante stützt, und schläft ein.
Henry geht die knarzenden Stufen hinunter und folgt den dunklen Spuren bis in die Küche. Die Bodenfliesen sind blutig und auch an den Schränken sind dunkelrote Spritzer. Sonst nichts.
Er holt seine Jacke.


© Simone Keil 2009