Henry beobachtet die Stadt. Sie wogt und strömt. Die Menschen in den Straßen scheinen in ihrem Sog gefangen zu sein, treiben wehrlos auf den Wellen, die mit ihnen spielen, wie Kinder mit Muschelstücken.
War das schon immer so gewesen, hat sich sein Blick geschärft, oder erkennt er die Willenlosigkeit der Massen nur, weil er abseits steht. Abseits dessen, was man normal nennt. Denn das ist ihm klar geworden, er ist nicht mehr der Mann, der er gestern noch gewesen ist. Er ist anders, wie anders, muss er noch herausfinden.
Seine Schritte führen ihn in Randgebiete, in denen er bisher noch nie gewesen ist. Komisch, wie hilflos man sich in unbekanntem Terrain bewegt. Es riecht muffig, nach Unrat und angefaulten Wünschen.
Der Weg wird enger und seine Schulter streift die rote Backsteinmauer eines verfallenen Fabrikgebäudes, das die Seitengasse begrenzt. Es strahlt feuchte Lebendigkeit aus, wie ein brackiger Tümpel am Rande eines uralten Moores. Und Henry fühlt sich von den stumpfen, teils zerbrochenen Fenstern beobachtet. Er bleibt stehen und lauscht, sofort scheint alles um ihn herum angespannt zu sein und mit ihm zu lauschen. Er dreht seinen Kopf und starrt die Gasse entlang, durch die er gekommen ist und die kargen Sträucher und Steingewächse, die im Halbdunkel den Winter verschlafen, scheinen mit ihm zu starren.
Um die nächste Ecke und Henry steht vor der verwitterten Fassade eines zweistöckigen Hauses, in dessen Keller sich offensichtlich ein Pub befindet. ‚Herbs‘ steht auf einem verbeulten Blechschild, das an einer rostigen Eisenstange über dem Eingang knarzt und darunter lakonisch: Essen - Trinken - Schlafen. Acht Stufen einer Betontreppe führen hinab zu einer verschrammten Holztür, an deren Knauf ein handgeschriebenes ‚geöffnet‘ Schild baumelt. Ohne darüber nachzudenken, betritt Henry den schummrigen Gastraum.
„Ein Bier?“
Es dauert einige Sekunden, bis seine Augen sich an das düstere Licht gewöhnt haben und er den Mann registriert, der ihn über die Theke hinweg fixiert. Seine Haare sind fettig und lang. Geheimratsecken und Falten in den Mundwinkeln.
Henry setzt sich auf einen der Barhocker und wirft einen Zwanziger auf den feuchten Tresen. Der Wirt stellt ein abgestandenes Pils vor ihn hin.
Der Laden ist fast leer. Nur zwei junge Kerle mit Lederjacken und Bikerstiefeln spielen Pool auf einem zerschlissenen Billardtisch und beobachten ihn – den Fremden - aus den Augenwinkeln.
Henry kippt sein Bier auf Ex und schlägt das Glas scheppernd auf die Theke, so dass er die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden hat. „Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der sich selbst als Wanderer bezeichnet.“
„Nie gehört.“ Lautet die knappe Antwort, aber Henry hat die fahrigen Blicke zur Eingangstür bemerkt und hakt nach. „Etwa 1,80 m groß, schwarze Haare, helle Haut, eine markante spitze Nase, auffallend weiße Zähne. Und er hat einen kleinen braunen Hund bei sich, den er Chester nennt. Ich muss ihn wiederfinden.“
Ein Poltern lässt ihn herumfahren. Einer der beiden Jungen hebt seinen Queue auf und beginnt akribisch die Spitze des Stockes einzukreiden.
Als Henry sich wieder umdreht, steht im Türrahmen zwischen Theke und Garderobe ein Mädchen. Rosa Schlafanzug. Lange blonde Haare. Müde Augen. Schmutzige Pfützen inmitten sandfarbener Haut.
Das Mädchen geht um die Theke herum bis es ganz dicht neben ihm steht. Einen ausgefransten Teddybär im Arm, streicht es mit den Fingerkuppen über seine rechte Hand, die locker auf seinem Oberschenkel liegt. Ganz vorsichtig fährt es die Nähte in dem braunen Leder nach.
„Hey Kiki, verschwinde! Los verschwinde in dein Zimmer.“ Der Wirt ballt die Faust und zeigt mit dem Daumen auf die offene Tür, aus der das Mädchen gekommen ist.
„Das tut mir leid.“, sagt es zu Henry, berührt dann den Druckknopf, mit dem der Handschuh an den Handgelenken zugeknöpft ist, und kaum hörbar: „Sei nicht traurig.“, dreht sich um und verschwindet.
Henry starrt gebannt auf die geschlossene Tür und hört sich „Ich möchte ein Zimmer mieten“, sagen. Er blickt den Wirt an „Für ein paar Tage, vielleicht auch länger.“
Seine Hände gleiten durch ihr Haar. Doch immer wenn er sie berühren will, scheint sie sich weiter von ihm zu entfernen. Panik steigt in seinem Hals auf und er schluckt, um sie nicht an die Oberfläche gelangen zu lassen.
Muschelrauschen und einlullende Klänge, umarmen ihn und tragen ihn tiefer und tiefer hinab. Er reißt die Augen auf und dreht sich, windet sich in zähem Fließen. Gräbt seine Hände in das Unfassbare. Ruft nach ihr, immer wieder. Verheddert sich in faserigen Gräsern, die sich um seine Gelenke schlingen, bis er bewegungsunfähig auf dem Grund liegen bleibt.
Gedämpft und leise dringt ihre Stimme zu ihm durch. „Wenn du mich liebst, findest du mich.“
Henry keucht. Sein T-Shirt klebt an seinem Oberkörper und es dauert einige Sekunden, bis er registriert, wo er sich befindet.
Es ist stockdunkel in dem Gästezimmer, nicht einmal ein kleiner Schimmer von Laternenlicht fällt von der Straße durchs geöffnete Fenster hinein. Er schaltet die Nachttischlampe an und ein Atemzug presst sich hörbar aus seinen Lungen.
Das Mädchen aus dem Pub sitzt auf der Bettkante und starrt ihn an. Nein, eigentlich sieht sie nur in seine Richtung, denn ihre Augen sind ausdruckslos und ihre Pupillen unnatürlich geweitet.
Wie ist ihr Name gewesen? „Kiki?“ Er berührt vorsichtig ihren Arm. Ihre Muskeln sind angespannt. An ihrem Hals treten die Sehnen hervor. Sie öffnet den Mund. Kumuluswolken lösen sich von ihren Lippen und da erst bemerkt Henry, dass es eiskalt im Zimmer ist.
Das Mädchen sitzt nur da. Eine einzelne Träne rinnt an ihrer Wange hinunter und hinterlässt einen glänzenden Streifen. Henry atmet schwer. Unfähig sich zu rühren, betrachtet er fasziniert das Frauengesicht auf dem Kinderkörper. Augen die so tiefblau sind, wie der Himmel über dem Atlantik, kurz vor Sonnenuntergang, die in diesem Moment auch genauso alt zu sein scheinen.
Er hebt den Arm, langsam, und fährt mit seiner Fingerspitze die feuchte Spur auf ihrer Wange nach, zieht sie aber zurück, als er bemerkt, dass sie zu frösteln beginnt.
„Sie hat Angst.“, flüstert sie und hauchte neue Wolkenberge in den Raum. Ihr schmaler Körper beginnt zu zittern und ihre Blicke kehren in die Wirklichkeit zurück. Mit angstgeweiteten Augen fällt sie vornüber und schluchzt in Henrys Halsbeuge.
Zögernd schließt er seine Arme um ihren Oberkörper und hält sie minutenlang fest. Die Handflächen nach außen gedreht. Dann hebt er sie kurzentschlossen hoch und trägt sie in ihr Zimmer, am Ende des Ganges.
Er deckt sie zu und streicht ihr über die Stirn, sofort beginnt sie zu zittern und er ballt seine Hände zu Fäusten, starrt auf seine frostigen Knöchel. Wann wird endlich diese Kälte verschwinden.
Henry schiebt seinen Teller zur Seite. Ihm ist flau im Magen und seine Augen liegen in dunklen Höhlen.
„Du musst was essen!“ Kiki zeigt vorwurfsvoll auf sein Frühstück, das er kaum angerührt hat, und stemmt die Hände in die schmalen Hüften. Sie trägt eine weiße Schürze über ausgewaschenen Jeans und einem blauen Pullover.
Henry lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und steckt sich eine Zigarette an. „Und du, musst du nicht in die Schule?“ Er bläst den Rauch durch die Nase aus.
„Nicht in den Ferien.“ Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber. „Wenn du nicht aufhörst zu Rauchen, stirbst du.“
„Ja, sicher.“ Ein Sonnenstrahl fällt durch die Fensterscheibe in Henrys Gesicht und er kneift die Augen zusammen, um das Mädchen noch erkennen zu können. „Es sind auch schon Leute gestorben, weil sie nicht aufgehört haben zu reden.“
Kiki verschränkt die Arme vor der Brust und sieht ihm trotzig ins Gesicht.
„Hast du das Frühstück gemacht?“, fragt Henry und wirft die Kippe in seine Kaffeetasse, obwohl ein Aschenbecher direkt daneben steht.
„Ja. Herb schläft noch und einer muss es ja tun.“
„Ist Herb dein Vater?“
„Du bist aber ziemlich neugierig.“ Kiki schlägt die Beine übereinander, streicht ihre Schürze glatt und lässt sein Gesicht dabei keinen Moment aus den Augen. „Du hast gestern nach dem Wanderer gefragt“, sie macht eine Pause und beobachtet seine Reaktion. Henry blinzelt einmal, verzieht aber keine Miene. „Was willst du denn von ihm?“
„Ich suche Antworten. Und du stellst zu viele Fragen, für ein kleines Kind.“
Quietschend schiebt sie ihren Stuhl zurück, erhebt sich prätentiös von ihrem Platz und wirft mit einer geübten Kopfbewegung ihre blonden Locken über die Schultern. Mit hoch erhobenem Kopf räumt sie sein Geschirr ab.
„Herb ist mein Onkel. Und ich werde nächsten Monat 12“, bemerkt sie, wie nebenbei, bevor sie mit grazilen Schritten in der Küche verschwindet.
Henry steckt sich noch eine Zigarette an und sieht aus dem Fenster. Es ist dunkler geworden, der Himmel ist mit Schneewolken bedeckt.
Aus der Küche dringt Geschirrgeklapper und Radiomusik. Henry wollte das Mädchen nach letzter Nacht fragen, aber sie schien sich nicht daran zu erinnern. Schranktüren knallen und kurze Zeit später erscheint Kiki, mit Mütze, Handschuhen und Winterjacke bekleidet im Gastraum. Sie wirkt in den dicken Sachen noch zerbrechlicher und ihre frischen Augen stehen in auffälligem Kontrast zu ihrer Wüstenhaut.
„Ich weiß, wer dir helfen kann.“ Sie zieht ihre Handschuhe an und blickte dabei auf Henrys Hände, mit denen er sich locker auf den Tisch stützt und die wieder in dem alten braunen Leder stecken.
„Und wer soll das sein?“
„Elena. Und jetzt komm endlich, ich bin schon spät dran.“ Kiki nimmt einen Korb von der Theke und geht nach draußen.
Wahrscheinlich will sie sich nur wichtigmachen, aber wenn nicht? Er holte seinen Mantel und folgt ihr.
© Simone Keil 2009
weiter lesen -> Traumfänger - Vier
Montag, 20. Juli 2009
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen