Es hat angefangen zu schneien und bauschige Flocken umwehen ihre Körper. Kiki lacht und hüpft mehr, als dass sie geht. Henry hat Mühe Schritt zu halten.
Die Fröhlichkeit des Mädchens und selbst der Schnee wirken bizarr und unpassend inmitten der verfallenden Gebäude. Kaum eine Fassade hat eine erkennbare Farbe. Alles grau in grau, umschwirrt von reinweißen Federn und einem tanzenden Tupfer orange. Henry lächelt.
Kiki dreht sich mit weit ausgestreckten Armen, bis sie atemlos vor seinen Füßen in den frischen Schnee plumpst.
„Warum trägst du die?“ Sie deutet mit dem Kinn auf seine Handschuhe.
„Es ist kalt.“
„Ja.“ Kiki nickt und hält ihr Gesicht in die kitzelnden Daunen. Sie schließt die Augen. „Manchmal ist mir so kalt, dass ich mich an Eiszapfen wärmen könnte. Dann gehe ich nach draußen und laufe durch die Straßen. Und habe immer das Gefühl, dass ich etwas suche. Aber ich weiß nicht, was es ist.“
„Dann suchen wir wohl beide etwas“, sagt Henry und hebt den Korb auf, der neben ihr in einer Schneewehe umgekippt ist.
Kiki klopft sich die Kleider ab und sie gehen eine Weile schweigend nebeneinander her. Henry will gerade fragen, wie weit es noch sei, als sein Blick auf ein kleines Häuschen fällt und er weiß, dass sie angekommen sind.
Das Haus wirkt, inmitten der tristen Blocks, wie ein Fremdkörper. Wie ein Überbleibsel aus einer anderen Epoche. Die Fassade ist in einem warmen gelb gestrichen und das Spitzdach decken rote Tonziegeln, die dank einer offenbar schlechten Isolierung nicht vom Schnee bedeckt bleiben. An den Fenstern hängen unterschiedliche Gardinen und im Garten stehen Schuhe. Mindestens fünfzehn Paar. Ordentlich sortiert.
Kiki folgt Henrys erstauntem Blick und lacht. „Elena sagt, wenn man Träume einlädt, muss man ihnen auch ein warmes, trockenen Plätzchen zum ausruhen anbieten.“
Sie zuckt mit den Schultern und ein wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie sagt die Wahrheit oder glaubt zumindest, dass sie das tut.
„Elena sagt, die Menschen sind zu ignorant zum Träumen, deswegen schwirren so viele heimatlose Träume durch die Welt, die nur einen Platz suchen an dem sie sich niederlassen können. Und den bietet sie ihnen. Elena hat genug Träume um ein Fußballstadion zu füllen, sagt sie, und das nur, weil niemand sonst sie haben will.“
„Träume sind Luftblasen, das sage ich dir. Wenn man sie festhalten will platzen sie. Was übrig bleibt, sind nur feuchte Flecken auf dem Laken.“
„Dann hast du einfach zu fest zugedrückt“, erwidert sie bockig und verschränkt die Arme vor der Brust.
Henry steckt sich eine Marlboro an und schluckt den Rauch mit einer bitteren Träne hinunter. Vielleicht hat er das. Vielleicht hat er sie erdrückt. Er starrt auf eines der Schuhpaare, das direkt vor seinen Füßen steht. Dunkelbraune Wanderschuhe, ähnlich denen, die er selbst trägt.
„Tut mir leid“, sagt Kiki, geht einen Schritt auf ihn zu und bleibt so dicht vor ihm stehen, dass sie den Zigarettenrauch einatmen muss. Sie hebt die Hand, als wolle sie seine ergreifen und Henry zuckt unwillkürlich zurück.
Er schnippt die Kippe über den niedrigen Jägerzaun und sie versinkt im Schnee. Die spärliche Rauchfahne wird von einem verärgerten Windstoß fortgerissen.
„Ich werde sie finden.“
Sie betreten das Häuschen ohne anzuklopfen. Kiki benimmt sich, als sei sie selbst hier zu Hause. Sie geht zielstrebig in die Küche und stellt ihren Korb auf dem kleinen weißen Küchentisch ab.
Die Arbeitsplatte ist schmutzig und neben der Spüle stapelt sich Geschirr. Auf dem Fußboden kleben Saft oder Kaffeereste. Henrys Sohlen machen schmatzende Geräusche beim Gehen. In den Fensternischen haben sich Stockflecken gebildet und auf den Scheiben hängt ein gelblicher Schleier. Kiki scheint das alles nicht zu bemerken, oder hat sich daran gewöhnt.
„Setz dich.“, sagt sie, während sie ihre Jacke und Handschuhe auf die Eckbank wirft. „Ich werde mal Elena suchen.“
Das Haus kann höchstens vier Zimmer haben bei der Größe. „Weit kann sie ja nicht sein.“, erwidert Henry und zuckt mit den Schultern.
„Man soll sich nicht von dem Vordergründigen täuschen lassen, sagt Elena immer.“ Kiki zwinkert verschwörerisch und lässt Henry einfach stehen.
Er setzt sich auf einen der weißen Plastikstühle. Er ist unendlich müde. Es ist warm im Zimmer. Die Luft riecht abgestanden und lässt sich nur widerwillig einatmen. Irgendwo brummt ein Heizkessel. Der Wasserhahn tropft sporadisch. Träge löst sich ein Wassertropfen aus dem Ausguss, klebt noch einen Sekundenbruchteil daran fest, wird in die Länge gezogen, macht sich frei und steigt, sich schimmernd um die eigene Achse drehend, in den angerosteten Hahn. Klack. Henry reibt sich über das Gesicht und kneift die Augen zusammen.
Die Fensterläden traktieren die Hauswand. Ein Wunder, dass das verwitterte Holz dem Zerren und Schlagen standhält. Es hat aufgehört zu schneien. Doch der Wind treibt den losen Pulverschnee vor sich her, scheucht und jagt ihn, bis er sich stoisch in Nischen und Fugen festklammert. Dann wird es still. Von einem Wassertropfen auf den anderen legt sich der Sturm. Das Holz vor den Fenstern ächzt dankbar auf. Die Sonne bricht durch die bauschigen Schneewolken und gibt dem sterilen Weiß einen Hauch von Lebendigkeit. Henry sehnt sich danach, sich in eins der frisch aufgeschüttelten Schneebetten zu kuscheln und die Decke über den Kopf zu ziehen.
Weiß kann so viele Nuancen haben. Wände, altweiß verputzt, an einigen Stellen von dunklen Kratzern unterbrochen und brüchig an den Ecken. Bettwäsche von diesem traurigen Weiß, das Baumwolle bekommt, wenn sie jahrelang in Schränken aufbewahrt wird. Das trostloseste Weiß in diesem durchfurchten Gesicht. Haut, die mehr preis gibt, als sie verdeckt und nur noch darauf wartet, endlich zerfallen zu dürfen.
„Warum hast du ihn hierher gebracht?"
Elena kramt in der Nachttischschublade, bis sie eine Spritze und eine verpackte Kanüle hervorgezogen hat.
„Er braucht Hilfe."
„Und das ist Grund genug?"
„Für mich ist es das."
Die alte Frau köpft ein kleines Glasröhrchen und zieht die klare Flüssigkeit auf. Kiki wartet schweigend, während sie die Luft aus der Spritze drückt bis sich ein Tropfen zeigt und schwankend an der spitzen Nadel hängen bleibt.
Sie nickt. „Gut. Dann soll mir das ausreichen." Mit geübten Fingern kneift sie ihren Bauch zu einer fast transparenten Rolle zusammen und setzt sich die Injektion.
„Danke", sagte das Mädchen und küsst Elena direkt auf die steilen Falten zwischen ihren Augenbrauen.
Henry schaut auf die Küchenuhr. Der einzelne Zeiger steht still auf der sieben. Er hat gedöst, bis ihn ein rhythmisches tiefes Poltern hochschreckt. Es klingt als näherte sich eine Marschkapelle, deren Trommler den Musikern den Takt für einen Trauermarsch vorgibt. Paukenschlag – Schritt. Paukenschlag – Schritt. Das Geräusch, anfangs direkt unter seinen Füßen, kommt jetzt eine Treppe hinauf und nähert sich der Küche.
Ein Wassertropfen, der gerade auf dem Weg zum Hahn gewesen war, bleibt in der Luft hängen, schüttelt sich und fällt, wie in Zeitlupe, zurück in den Abfluss.
Die Frau muss an die 70 Jahre alt sein. Möglicherweise auch 100. Schwer zu sagen. Ihr Körper ist ausgemergelt, das altmodische lange Kleid schlackert um ihre Gliedmaßen. Sie hinkt und stützt sich auf eine Krücke. Umständlich lässt sie sich auf einem der Plastikstühle nieder, zieht eine goldene Tabaksdose und eine Holzpfeife aus der großen Schürzentasche des Kleides hervor und beginnt sie akribisch zu stopfen.
Sie entzündet ein Streichholz und hält die kleine Flamme an die Pfeife. Nach einigen Zügen überdeckt ein süßliches Aroma den muffigen Geruch. Ein trüber Schleier liegt über der Iris ihrer Augen und erklärt ihre fahrigen Bewegungen.
Kiki steht hinter Elena. Ihre Hände ruhen heimisch auf deren knochigen Schultern.
„Du suchst also jemanden?“, fragt die alte Frau mit einer Stimme, die noch älter zu sein scheint als ihr Körper. Spröde und rostig.
Henry nickt nur. Er will sehen, ob sie ihr Augenlicht ganz verloren oder nur teilweise eingebüßt hat.
„Du hältst dich für ein ganz schlaues Bürschchen, was?“ Ihr rechter Arm schnellt, wie eine Kobra, nach vorn und ihre Fingernägel verbeißen sich in seiner Hand, die locker auf dem Tisch liegt. Ihre dämmrigen Pupillen fixieren seinen Blick und sie sieht ihm nicht in die Augen, sondern dahinter. Nach einigen Sekunden gibt sie ihn frei. Sie lehnt sich ächzend zurück, zieht ihren breiten Schal fester um die Schultern und tätschelt Kikis Hand.
„Ich kann ihm nicht helfen.“
Henry schnauft verächtlich und lässt den Deckel seines Sturmfeuerzeugs auf und zu klicken.
„Elena, bitte.“ Kiki knetet vorsichtig das alte Fleisch auf den brüchigen Knochen. Elena entspannt sich sichtlich und pafft einige Rauchkringel in die abwartende Stille.
„Schon viele sind dem Wanderer begegnet, aber nur wenige können von ihm berichten.“ Die Alte schlägt ihre Krücke an ihr rechtes Bein. Kunststoff auf Kunststoff. Ein seelenloses Geräusch. Ein leichtes Kribbeln kriecht über Henrys Nacken und er spannt seine Muskeln an. „Du kannst ihn nicht finden. Er findet dich, wenn es an der Zeit ist.“ Sie klopft ihre erloschene Pfeife auf den Tisch. „Wenn du Antworten suchst - wenn du sie wirklich suchst -, dann fang an, in dir selbst zu suchen.“
© Simone Keil 2009
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Von Adel bis Kohlemacher.
Vor 2 Tagen

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