Im Wohnzimmerfenster gegenüber brennt Licht. Keines dieser Arbeitslichter bei dem man einen Faden durch ein enges Nadelöhr bringt, um einen Knopf an das weiße Sonntagshemd zu nähen oder die Tageszeitung liest. Es ist gedimmt und warm. Zu warm, um alltägliche Dinge zu verrichten, aber kühl genug um sich an den Händen zu halten.
Ich habe keine Handschuhe an. Vergessen, trotz der Temperaturen, die mittlerweile bei minus 20 Grad angelangt sein müssen. Einfach vergessen. Und es wird noch kälter. Die Sterne packen sich schon in Wolken. Leergeschneite, müde Wolken. Es muss ein wunderbares Gefühl sein, die weiße Masse um sich zu ziehen, die Nasenspitze hineinzupressen und den Winter einzuatmen.
Mein Schatten tritt von einem Bein auf das andere. Er kann es nicht ertragen auf einem Fleck zu verharren. Vielleicht, weil er sich dann seiner Zweitrangigkeit bewusst wird. Vielleicht ist ihm auch nur kalt.
Alles glitzert und glimmt. Ich zertrete Schneechristalle, unter meinen dicken Ledersohlen. Es knirscht und knackt und riecht nach der Wohnküche meiner Großmutter. Zimt und heißer Apfelwein. Und ihre massigen Arme, die mir die Luft nehmen. Und ihr Lachen in meinem Herzen. Es nutzt den ganzen freien Raum aus. Huscht von Herzkammer zu Herzkammer. Spielt verstecken in den Kapillargefäßen. Das kitzelt und ich zittere in meiner zu dünnen Jacke.
Mein Schatten wird ungeduldig. Er bewegt sich weg von mir, gerade soweit, dass die Verbindung nicht abreißt. Er hat recht, es wird Zeit. Meine Fingerspitzen werden schon taub. Ich habe Mühe eine Faust zu machen. Der Körper zu meinen Füßen bewegt sich schon seit Minuten nicht mehr. Ein rotes Rinnsal verfärbt den frischen Schnee.
Ich fasse seinen Kragen und ziehe ihn zu mir heran. Sein rechtes Auge ist zugeschwollen und die Haut schimmert violett direkt unter dem Rot. Ich schlage zu. Der Schmerz rast durch meine eisige Rechte, fährt durch meinen Arm, die Schulter, das Schlüsselbein und nimmt seinen Platz ein. Im Vorhof meines Herzens. Das Licht im Fenster ist verschwunden, wie das Lachen meiner Großmutter.
© Simone Keil 2009
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